Kolumne
... Gaybodensee Kolumne

Hier greifen monatlich im Wechsel diejenigen zur Feder, die diese gleich ihrem Zungenschlag spitz einzusetzen wissen und schonungslos all das durchhecheln, was ihnen gerade auf der Leber brennt. Das Szenegeschehen wird zur Zielscheibe des Klatsch & Tratschs und oft ein gut gehütetes Geheimnis ganz beiläufig gelüftet. Kurzweil, Spannung und aufschlussreiche Erkenntnisse verspricht die Kolumne der Stars und Sternchen, die wir hier einzeln vorstellen.



Gaybodensee Transenparade



*** K O L U M N E  Februar 2012 ***



Lady in Rosarot



Olga Popova So, jetzt nur noch die frisch gewaschenen rosaroten Veloursvorhänge an meinem Fenster anbringen und dabei akrobatisch auf dem Tritthocker balancieren, um nicht ungewollt durch die Scheibe flugs in die Fussgängerzone zu stürzen. Das gäbe vermutlich einen unschönen rosaroten Fleck auf dem Strassenpflaster, zumal ich heute ein rosarotes Samtkleid und eine ebensolche Schleife im Haar trage. Rosarot steht bevor, die exorbitante Bühnenshow zur Fasnachtszeit im Konstanzer Schmitt's und dieses Mal die 10. Jubiläumsausgabe. Auch ich werde laut Aussage meines Managements wieder gebucht sein und habe bereits rosarote Gefühle.
Wer weiss, vielleicht ist es mein Sprungbrett nach Baku zum nächsten Eurovision Song Contest, aber mir wird gewahr, dass die Auswahl hierzu ja bereits läuft und man vermutlich alternde Damen dort eher weniger ins Rennen zu schicken gedenkt. Wenngleich gerade ich als Dame des Ostens und strahlender Stern über den Kolchosen Usbekistans beste Beziehungen gerade zu den östlichen Fans im fernen Aserbaidschan pflege und auch Lys Assia hochbetagt für die Schweiz den ESC-Himmel zu erstürmen gedachte.
Doch wie funktionieren all diese Castingshows à la DSDS... blutjung, frisch und sich in einem festgefügten gemeinverträglichen Gesangsraster bewegend ist gefragt. Ich könnte da nur noch im Dancepart mithalten, aber auch das nur nach doppelter Dosis Rheumasalbe oder alternativ SEkt intravenös. Nein, diese üblichen Castings ist etwas für die angekündigten Newcomer bei Rosarot, die ich selbst vornehmlich aus den vorausgegangenen Presseerklärungen der konkurrierenden Managements her kenne. Aber wen kümmert das - wir alten Eisen werden Rosarot 2012 rocken, um einmal ganz cool zu formulieren.
Da wird wieder eine Wally Geier auf der Bühne stehen und mit ihrem inzwischen verfilzten Haupthaar versuchen, das Publikum mit volkstümlichen Klängen zu bezirzen. Und diese Dame schreckt ja nicht einmal vor Showeffekten zurück, sie wird alle, aber auch wirklich alle Register ihrer Drehorgel ziehen müssen, um das Publikum noch für sich einzuvernehmen. Sollte eine Bang Bang La Desh aus ihrem Exil wieder nach Konstanz finden, so werden wir feststellen, dass auch an ihr vermutlich der Zahn der Zeit heftig genagt hat. Das ist selbstredend nur ihrer Hausmeisterei, all dem Staub und der aufreibenden Schmutzarbeit geschuldet. Aus dem Exil wird auch Tina Creme das Event mitverfolgen, doch sie traut sich schon längere Zeit nicht mehr, sich dem Publikum zu stellen, während Ricola Fötzli seit Jahren ihr Bergdomizil nicht mehr verlassen hat, um jeder kritischen Betrachtung zu entgehen. Auch sie ist diesem Stress nicht mehr wirklich gewachsen. Das schultern nur wenige andere deutlich besser, etwa eine Helga Handschelle, die Jahr für Jahr unbekümmert in die Menge eintaucht, um Lob und Tadel wie an einem Harnisch aus Federn und Pailetten abklingen zu lassen. Sie ist hart im Nehmen. Auch unsere Freundin aus dem europäischen Musterland, die griechische Nana Mousaka ist ganz offensichtlich auf einen gagengestützen privaten Rettungsschirm aus, der ihr die Rente ab 55 finanziert. Wie einst Ex-Supertranse Wilma Bumsen wird sie zu diesem Zweck wieder jedwede Vinyl-B-Seite bemühen, denn der Zweck heiligt hier offenbar die Mittel. Ich möchte ja keine Kolleginnenschelte betreiben oder Plattitüden bemühen, aber nach Griechenland haben wir nun wirklich genug Euronen gepumpt. À propos Supertranse: Lebt Mireille Mondieu noch? Wir haben lange nichts mehr vom rosaroten Sternchen gehört, aber Sterne fallen bekanntlich gerne als zischende Schnuppe vom Himmel oder auch von der Brücke von Avignon. Und Henriette, der Import aus Freiburg? Wollen wir hoffen, dass sie wieder in die Seemetropole findet.
Damit nicht genug: Frau Huber wird ihre Lippen zu jedweden Playbacks spitzen, Lotusblüte wird erneut auf den Glamourfaktor setzen und Susi Tran wiederum eine Performance darbieten, die an Telegym auf Bayern3 erinnert. Meine gute Freundin Clarissa und die ihr nahestehende Frau von Hohenstein kommen dieses Mal, ich tippe, mit den immer wieder und wieder neu performten Klassikern von Männern und 99 Luftballons. Sie richten es ja recht gut, jedoch ich habe jedes Mal ein Déja vu und träume inzwischen davon, aber eher nicht rosarot, sondern oft genug aufgeschreckt.
Wer fehlt noch? Ach ja, die Missverstandene, Miss Understood. Ja, sie könnte mir gefährlich werden. Ihre Gabe, zum Schlusspunkt nochmals nachzukarten, nochmals alles aus sich herauszuholen, ist unter uns Bühnenstars berüchtigt. Dennoch wird eine Popova vorzubauen wissen. Und was mir letztlich wirklich den Kick gibt, ist nicht zuletzt der Kontergeist, der Siegeswille und das rosarote Gefühl, das ich alljährlich mit einer rosaroten Umgestaltung meiner bescheidenen Kemenate erwecke. So, die Vorhänge hängen und ich überlege, mir nun einen rosaroten Likör aus Litschi zu gönnen.
Rosarot ist nicht nur eine Bühnenshow, ein Event, sondern eine Lebenseinstellung. Und mag man auch nicht jeden Ton treffen, nicht jeden Text abrufen können, tänzerisch den in Stöckelschuh gehüllten Fuss bedrohlich in Richtung Publikum schleudern, es ist einfach Herzenssache und die Popova lebt Rosarot von Herzen. Ich spreche das meinen Kollegen und Kolleginnen nicht ab, auch sie werden rosarot fühlen. Und ich hoffe, das Publikum wird es zu schätzen wissen. Von unserer legendären Tina Lord mögen wir übrigens lernen, dass man sich um sein Publikum bemühen muss.
Ich werde es tun, mit rosarotem Feeling und allen Leibeskräften - wer mich kennt, weiss dass er nun in Deckung gehen sollte...

Euer strahlender Stern
Olga Popova


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